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Wanderparadies Stuttgart: Jugendstil und Naturoase

Auf Entdeckertour durch den Stuttgarter Süden

Diese abwechslungsreiche Rundtour ist einer der schönsten Spaziergänge im Stuttgarter Süden und bei fast jeden Wetter ein Genuss. Wir kommen durch eines der schönsten Jugendstilquartiere Stuttgarts und streifen anschließend durch einen herrlichen Landschaftspark und den Haigst mit grandiosen Ausblicken auf die Stadt.

 

 

 

Unsere Tour beginnt am belebten Marienplatz, dem eigentlichen Herz des Stuttgarter Südens.

Wir wenden uns nach Nordosten und folgen der Tübinger Straße links des Kaiserbaus. Wie der Marienplatz ist auch sie mit ihren fast schon legendären Kneipen und Lokalen in schmucken Gründerzeitbauten Teil des beliebten Ausgehviertels. In der Römerstraße halten wir uns rechts und queren weiter oben die stark frequentierte Hauptstätter Straße. Beim imposanten Bau der 1910 von Theodor Fischer geplanten Heusteigschule erreichen wir den lauschigen Theodor-Fischer-Platz. Mit seinen großen Bäumen, den schönen Hausfassaden und Straßenzügen ist der selbst Stuttgartern oft  unbekannte Platz eine wunderbare Oase der Ruhe in der Großstadt und deutlicher Kontrast zum quirligen Marienplatz.

 

 

 

i Info Marienplatz
Das pulsierende und bunte Herz des Stuttgarter Südens mit seinen angesagten Cafés, Kneipen und Eisdielen hat schon viele Höhen und Tiefen erlebt. 1876 legte man hier zunächst einen Park an, und der Platz wurde nach Prinzessin Marie von Waldeck- Pyrmont, der Verlobten des späteren württembergischen Königs Wilhelm II. benannt. Bald entstand hier eine Stuttgarter Sensation: Ein großer Zirkus, beheizbar und elektrisch beleuchtet für 3.500 Besucher – damals die modernste Manege im Deutschen Reich.Gut erreichbar mit der Straßenbahn war er bald der Publikumsmagnet für Kinder wie Erwachsene. 1936 verlegte man den unteren Zahnradbahnhof von der Filderstraße hierher. Der Marienplatz wurde Aufmarschplatz der Nazis und in „Platz der SA“ umbenannt. Mit Beginn der Bombenangriffe gruben hier zahlreiche Heslacher Hände für den Reichsarbeitsdienst einen großen Tiefbunker für 1.700 Menschen aus, der bis heute im Untergrund schlummert. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die darüber liegende Freifläche zu einem großen Kartoffel- und Gemüseacker, damit die Ausgebombten etwas zu Essen hatten. In den 1970er-Jahren garnierte man den Platz nach dem Geschmack der Zeit mit betonierten Grünflächen und Kiosken, wodurch er bald zum Refugium für Junkies und Wohnsitzlose wurde. Anfang 2000 räumte man alles wieder ab und gestaltete die Fläche neu. Seither geht es stetig bergauf mit dem Platz und den umliegenden Wohnquartieren. Im altehrwürdigen Kaiserbau von 1911 etablierten sich
hippe Locations und eine Eisdiele. Das jährliche Marienplatzfest mit Open-Air-Musik und Straßenkünstlern hat sich inzwischen zu einer festen Institution entwickelt – bei urbanen Hipster wie alteingesessenen Stuttgartern. Und bei den ersten Sonnenstrahlen zieht es Bewohner und Gäste auf die Treppen um das Wasserspiel "Strand“, heute eine der begehrtesten Sonnenbänke in der City …

 

Weiter geht‘s bergauf durch die Römerstraße und wir kommen durch einen weiteren bestrickenden Winkel im Süden. Vorbei am Heusteigfriedhof erreichen bald wir die im Jugendstil erbaute Markuskirche (1). Mit dem Pfarrhaus, den Bäumen und einem kleinen Türmchen ein malerisches Ensemble. Das wunderbar erhaltene Gotteshaus wurde 1906-/08 vom bekannten Kirchenbaumeister Heinrich Dolmetsch entworfen und ist mit seinem Mix aus Jugendstil-, Barock- und Renaissanceelementen außen wie innen ein außergewöhnliches Stuttgarter Kulturdenkmal. Auch geschichtlich besonders, denn hier  wurde durch 1945  Martin Niemöller sowie den Landesbischöfen Würm und Dibelius das Stuttgarter Schuldbekenntnis verfasst, das erstmals eine Mitschuld der Kirchen am Nationalsozialismus formuliert hat. Mehr dazu erfährt man im Inneren der tagsüber geöffneten Kirche.

 

Wir spazieren am Markusplatz geradeaus weiter, queren die Filderstraße, und halten uns kurz rechts. Es geht weiter durch die lauschige Pelargusstraße und vorbei an zwei beliebten Restaurants.

Oben in der Liststraße angekommen, wandern wir nach links und erreichen bald weitere herrliche Jugendstil- und Gründerzeitbauten. Als die Straße 1896 nach dem Reutlinger Ökonom Friedrich List benannt wurde, stand hier draußen noch kein einziges Haus. Ab 1900 ging es los und Handwerkerfamilien sicherten sich auf dem bisherigen Gartengelände ihre Baugrundstücke. Die meisten dieser schmucken Mehrfamilienhäuser mit Ladengeschäften im Erdgeschoss entstanden zwischen 1908 und 1914 und haben den letzten Weltkrieg und spätere Abrisswellen einigermaßen glimpflich überstanden. Besonders die Fassaden auf der linken Seite beeindrucken durch ihre vielgestaltigen Giebel, Türmchen, Erker und Balkönchen. Auf der rechten Seite hat vor einigerZeit das Café List aufgemacht, heute neben dem bereits 1904 eröffneten Gasthof Lehen ein weiterer beliebter Treffpunkt im behaglichen Szeneviertel Lehen. Viele Bewohner kennen sich und trotz der großen Häuser ist hier Großstadtanonymität fast ein Fremdwort. Etliche kleine Geschäfte, behagliche Lokale und gesellige Hofflohmärkte im Sommer tragen viel dazu bei. Das mit den Märkten war ein Münchner Ideenimport, der sich inzwischen großer Beliebtheit erfreut: Nachbarn misten gemeinsam ihre Keller und Dachböden – schwäbisch: „Bühnen“ – aus, und alte Schätze und Trödel wechseln einen Tag lang in den lauschigen Hinterhöfen den Besitzer: eine wunderbare Möglichkeit für Bewohner und Besucher, miteinander ins Gespräch zu kommen.

 

An der Kreuzung mit der Römerstraße biegen wir nach rechts, halten uns in der Tulpenstraße wieder links, und folgen beim Haus Nr. 12 einem Treppenweg durch eine Grünanlage rechts hoch. Nun geht‘s durch die Altenbergerstraße weiter bergauf und wir spazieren an einer Terrassenapartmentsiedlung aus den 1970er Jahren vorbei. Gegenüber von Haus Nr. 63 folgen wir dem Fußweg oberhalb des ev. Ferienwaldheims Altenberg. Er führt uns nach dem Heim links hoch und über teilweise gepflasterte Serpentinen kommen wir durch den lauschigen Landschaftspark Wernhalde. Immer wieder können wir unsere Blicke über die Dächer des Stuttgarter Südens schweifen lassen und sehen im Vordergrund die Markuskirche. Weiter hinten spickelt die doppeltürmige Marienkirche hervor.

 

 

Wir folgen nun eine Zeit lang dem von den Naturfreunden ausgeschilderten Rote-Socken-Weg.  Nach ca. 60 m wählen wir an einem Aussichtsplätzchen mit Ruhebänken den beschaulichen Schotterweg nach rechts, queren weiter unten ein kleines Bächlein in einer kühlen Waldklinge,- ein herrliches Naturidyll mitten in der Großstadt. An der nächsten Kurve wählen wir den Weg schräg links und kommen hoch zu einem Arboretum. Den Grundstock hierfür legte 1864 die königliche Forstverwaltung Stuttgart, in dem sie Samen von Mammutbäumen (Sequoiadendron giganteum) aus Amerika kauften. Im Frühjahr 1865 brachte man sie in der Wilhelma zum Auskeimen und pflanzte einige davon an diesem Hang. Wir spazieren in gleicher Richtung weiter bergauf und erreichen eine Wegkreuzung.

 

Wer sich das Wäldchen mit seinen exotischen Arten genauer anschauen möchte, geht hier noch etwas links hoch. Ansonsten wählen wir den Fußweg nach rechts und schreiten über eine kleine Brücke. Nach den Staffeln
links und oberhalb eines Gebäudes vom Friedhofsamt gelangen wir wieder in die Römerstraße. So, und nun tief durchatmen, denn jetzt kommt nochmals ein
steilerer Wegabschnitt, der jedoch mit herrlichen Panoramablicken hinüber auf die Karlshöhe, den Birkenkopf und den Kräherwald entlohnt. Oben erreichen wir an der Osteria La Stella, einer weiteren Einkehr- möglichkeit,den Haigst. „Haigst“, das schwäbische Wort für „höchst“, erinnert uns daran, dass wir nun den einstmals höchsten Punkt auf Stuttgarts Markung erklommen haben. Wir halten uns hier rechts zum Santiago-de-Chile-Platz, der uns mit dem vielleicht genialsten Kesselblick für den Aufstieg entschädigt (2). Zu unseren Füßen liegt ein Häusermeer, das im Norden vom Kräherwald, Gähkopf und Killesberg und rechts von den Hängen des Bopsers begrenzt wird. Schön ist zu sehen, wo sich noch erhaltene Altbauviertel mit roten Ziegeldächern befinden und wo vor allem nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs neu gebaut wurde.

Haben wir uns an dem Ausblick genügend geweidet, spazieren wir weiter, queren die Alte Weinsteige und schlendern durch die feine Wohnstraße Auf dem Haigst mit schönen Villen und weiteren Stadtblicken. Nach gut 300 m leitet uns die lauschige Haigststaffel zwischen mondänen Domizilen hinunter in das Aussichtsparadies Alte Weinsteige, wo wir uns nach einem weiteren alten Mammutbaum links halten. Der schon 1350 in Urkunden erwähnte, steile Karrenweg durch Stuttgarts Weinberge war jahrhundertelang die Hauptver-bindung für die Händler und Fuhrwerke Richtung Süden, bevor man um 1834 die Neue Weinsteige baute. Die Planung hierfür hatte der königliche Oberbaurat Eberhard von Etzel. Später entfaltete sich die schön gelegene alte Steige zu einer angesagten Adresse der Stuttgarter Oberschicht. Seit 1884 rumpelt hier die Zahnradbahn, kurz „Zacke“, den steilen Berg rauf und runter. Heute bilden moderne Gebäude wie das Haus Nr. 52, bekannt als „Stockwerk Sedelmeier“ der Stuttgarter Architekten Schulz + Stoll, einen spannungsreichen Kontrast zu den gediegenen Altbauten aus der vorletzten Jahrhundertwende. Das älteste Gebäude ist die 1876 Villa Zur Friedenslinde (Nr. 26), das wir weiter unten in der Kurve erreichen (3). Die Friedenslinde davor wurde 1871 nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich unter großer Anteilnahme der Bevölkerung gepflanzt.

Nach der Kurve folgen wir dem Treppenweg auf der linken Seite hinunter und haben dabei eine nette Sicht auf Heslach und den Hasenberg dahinter. Ziemlich aus dem beschaulichen Rahmen fällt der nüchterne Neubau des Marien-hospitals ganz links. Unten queren wir die List- und die Böheimstraße und folgen der Adlerstraße bis zu einer, durch halbrunde Gebäude geschaffene, platzartige Kreuzung mit der Möhringer Straße, in die wir rechts einbiegen. Lange Zeit brausten hier fast rund um die Uhr rußende Blechkarossen durch die ergrauten Häuser-fluchten, bis Ende der 1980er-Jahre der Bau des Heslacher Tunnels den Spuk beendete. Danach gaben an vielen Stellen Hochdruckreiniger ihr Bestes, um die schönen Ziegelfassaden wieder von Ruß und Dreck zu erlösen. Das alte Arbeiterquartier zwischen Matthäuskirche und Marienplatz entwickelt sich seither langsam zu einem alternativen Trend-Viertel. Nach einigen Schritten erreichen wir wieder den Ausgangspunkt und das Ende der Tour, den Marienplatz.


Karte und Infos zur Rundwanderung

 

Tourenlänge: 3,6 km

 

Höhenunterschied: 180 m

 

Gehzeit: 1,5 h

 

Tourenstart: Marienplatz, U1, U14

 

Tourenende: Marienplatz, U1, U14

 

 

 

 

 

Aus dem "Stadtwanderführer Stuttgart, Neue Touren von der City ins Grüne" (Theiss, 2017).

Erhältlich bei Osiander und allen anderen lokalen Buchhandlungen.

Einkehrmöglichkeiten  auf der Tour: Cafés und Gartenlokale

 

Café List, Liststraße 25 (Tel. 51 87 27 47), www.
cafe-list.de: Stilvolles und kuscheliges Café im
Lehenviertel mit leckerer Kuchenauswahl, guten
Frühstücksangeboten und Mittagstischen. Kleiner
und begehrter Außenbereich entlang der Liststraße
mit schönen Ausblicken. Täglich geöffnet.


Café Kaiserbau, Marienplatz 12 (Tel. 633 83 83),
www.cafe-kaiserbau.de: Beliebtes und gut besuchtes
Restaurant und Café am Marienplatz. Großer
Außenbereich, vom dem aus sich das bunte Leben
am großstädtischen Platz herrlich genießen lässt.
Leckere Frühstücks- und Kuchenangebote, Mittagskarte.
In der Gelateria gibt es in den Sommermonaten
eine große Auswahl an leckeren Eissorten. Täglich
geöffnet.


Eiscafé La Luna, Marienplatz 20 (Tel. 0174/886 03 77),
www.gelateria-laluna.de: Eiscafé in modernem
Glasbau mit Außenbereich mitten auf dem Marienplatz.
Große Auswahl an hausgemachtem Eis und
italienischen Süßspeisen. Montags Ruhetag.


L.A. Signorina, Marienplatz 12 (Tel. 62 07 89 90):
Hippe Location mit nettem Außenbereich am
Marienplatz. Große Auswahl an leckeren Pizzen.
Täglich geöffnet.


Kleinigkeit – Essen und Trinken, Strohberg 1 (Theodor-
Fischer-Platz), (Tel. 41 14 44 25), www.kleinigkeit.
eu: Kleines, charmantes Lokal mit hübschem
Außenbereich unter Bäumen. Täglich geöffnet.


Osteria La Stella, Auf dem Haigst 46 (Tel. 76 21 81),
www.osteria-lastella.de: Gutes italienisches Restaurant
am Haigst mit schönen Gasträumen und
Biergarten. Montag Ruhetag.


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