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Wandern in Heidelberg: Ruinen, Landschaften und Legenden,- Wanderung nach Schlierbach

Diese faszinierende Wanderung führt uns vom Heidelberger Karlstor über das Schloss und den lauschigen Schloss-Wolfbrunnen-Weg bis nach Schlierbach. Ein vielen Stellen begeistern uns wunderschöne Aussichtspunkte auf die Stadt, die gewaltige Schlossanlage und das tief eingeschnitte Neckartal zwischen den bewaldeten Odenwaldhöhen.

 

Wir beginnen diese Tour nach Schlierbach am Karlstor bei der S-Bahnhaltestelle „Heidelberger Altstadt“, östlich der Innenstadt. Das eigenwillige Stadttor wurde 1775-81 von den Stadtvätern zu Ehrung von Kurfürst Karl-Theodor nach Plänen von Nicolas de Pigage in Form eines römischen Siegestores errichtet. Das ehrgeizige Projekt war damals in der Bürgerschaft aufgrund der hohen Kosten heftig umstritten, aber die Stadt beharrte auf die Verwirklichung in der Hoffnung, dass Karl-Theodor mit seiner Residenz wieder nach Heidelberg zurückkehren könnte. Wenn auch der Kurfürst zur Grundsteinlegung am 2. Oktober 1775 höchstpersönlich erschien, so zerplatzten die Träume der Heidelberger noch während des Baus wie Seifenblasen, als Karl-Theodor aus Gründen einer Erbfolge von Mannheim nicht zurück nach Heidelberg, sondern, noch weiter weg, nach München zog.

 

Wir spazieren zunächst durch die Hauptstraße in westlich Richtung und kommen dabei an einigen eindrucksvollen Stadthäusern wie dem Anfang des 18. Jahrhundert erbauten Palais Weimar (Nr.235), dem heutigen Völkerkundemuseum, oder dem ganz in Weiß gehaltenen Haus Buhl (Nr. 234), vorbei, aus dessen Garten früher Prinzessin Liselotte von der Pfalz Kirschen gestohlen haben soll. Das 1722 erbaute und zwischen 1770 und 1784 im Louis-Seize-Stil umgestalteten Haus Buhl vermittelt mit seinem eleganten Treppenaufgang und dem hübschen Empiregeländer die Idylle der Biedermeierzeit. Bauherr war der Heidelberger Hofgerichtsrat und Mathematikprofessor Friedrich Gerhard von Lünenschloß, der sich auch um den Wiederaufbau der Universität verdient gemacht hatte. Später gelang es in den Besitz des Juristen und Professors Heinrich Buhl, der es 1907 der Universität schenkte. Seither gehen hier Gäste der Universität ein und aus und abends erklingen öfters Klavier-, Geigentöne und Gesänge aus den Fenstern des kleinen Festsaals. 

 

Wir gehen weiter und erreichen kurz vor dem Karlsplatz die zwei traditionsreichsten Heidelberger Studentenkneipen, das „Seppl“ und das Wirtshaus „Zum Roten Ochsen“. Interessant ist vor allem ihr Innenleben, das in langjähriger Arbeit von den Studenten mitgestaltet wurde. So beeindrucken die Gäste vor allem die mit Messern durchlöchere Tische und eingeritzten Inschriften aber auch das Sammelsurium an alten Fotos, Bierzipfeln und Schildern ist einen Besuch wert.

 

Der hübsche, mit Platanen bepflanzte Karlsplatz wird von prächtigen Bauten wie der Heidelberger Akademie der Wissenschaften im ehemaligen groß- herzoglichen Palais und dem Anfang des 18. Jahrhunderts durch den kurpfälzischen Hofkammerpräsidenten Franz von Sickingen als Adelshof errichteten Palais Boisserée auf der anderen Seite eingerahmt. Krönender Abschluss ist die gewaltige Schlossruine auf der Südseite des Platzes. Die Gebrüder Boisserée betrieben hier von 1810 bis 1819 eine Kunstsammlung, die große Beachtung fand.

Auch Johann Wolfgang von Goethe war fasziniert und wurde hier Stammgast. Vor allem nach der Anerkennung durch den großen Dichter wurde das Haus der Kunstsammler zu einem wichtigen politischen und gesellschaftlichen Treffpunkt für zeitgenössische Prominente wie Fürst Metternich, Jean Paul, Freiherr von Stein oder Jakob Grimm.

 

In der Mitte des nach Großherzog Karl Friedrich von Baden benannten Platzes fällt der 1978 von Michael Schoenholtz geschaffene Brunnen ins Auge. Er erinnert an den Humanisten und Kosmographen Sebastian Münster (1488-1552), der Anfang des 16. Jahrhunderts einige Jahre im hier bis 1803 existierenden Franziskanerkloster wirkte.

 

Wir queren den Karlsplatz und halten uns in der Karlsstraße gleich wieder rechts. Auf der linken Seite steht das Palais Graimberg (Kornmarkt 5) des französischen Grafen Louis Charles F. de Graimberg, der sich engagiert für den Erhalt der romantischen Schlossruine einsetzte. 1839 erwarb er das zentrale Gebäude, um hier mit Präsentationen und Verkauf von Stichen und Grafiken des Schlosses für dessen Erhalt zu werben. Mit seiner Kuriositätensammlung legte er darüber hinaus den Grundstock für das spätere Kurpfälzische Museum. Am Kornmarkt biegen wir nach links und gelangen über den Burgweg weiter nach oben. In der Linkskurve steigen wir die Treppen Richtung „Kurzer Buckel“ hoch, verlassen aber den Treppenweg sofort wieder und folgen der serpentinenartig nach oben führenden Neuen Schlossstraße. Nach wenigen Schritten bekommen wir auf der linken Seite einen kurzen, aber interessanten Einblick in die aufwändigen TunneIkonstrukte der Bergbahn. Bald darauf beherrschen imposante Villen und studentische Verbindungshäuser das Blickfeld. Besonders eindrucksvoll sind die hohen Natursteinmauern zur Stützung der parkähnlichen Gärten mit teilweise kunstvoll gestalteten Eingangsportalen.

 

 

Prächtige Villenanwesen und immer wieder herrliche Ausblicke auf die Altstadt, die imposante Ruinenlandschaft des Schlosses und die dahinter liegenden Ausläufer des Odenwalds begleiten uns die gesamte Strecke. Völlig aus dem Rahmen fällt hier nur das unterhalb liegende Amtsgefängnis. Der in den Revolutionsjahren 1847-48 im Stil der italienischen Früh- renaissance entstandene Knastbau wurde anfangs zur „Unterbringung“ von antirevolutionären Pfarrern genutzt, was dem Bauwerk bald den Namen „Pfaffenburg“ einbrachte. Die Freude der Aufständischen kam aber zu früh, denn schnell füllten sich die vergitterten, lichtarmen Räume mit den Revolutionären selbst. Weiter oben treffen wir auf das wohl beeindruckendste Villenanwesen in diesem Wohnviertel, die burgartige Villa Remmler.

Der Planer Johann Remmler wollte mit seinem 1899 entstandenen Domizil mit Burgfried, Zinnen und wehrhaften Mauern wohl in Konkurrenz zu den benachbarten Schlossruinen treten, was ihm ein Stück weit gelungen ist. Aber auch die Nachbarschaft blieb nicht untätig, denn in etwa zur selben Zeit entstanden hier zahlreiche weitere eindrucksvolle Wohn- und Verbindungshäuser deren große Gärten immer wieder den Blick auf die eindrucksvolle Dachlandschaft der dicht bebauten Heidelberger Altstadt freigeben. Nach der Villa erreichen wir bei einem Rondell im Stil der Neorenaissance die Straße Schlossberg, in die wir links einbiegen. Im Kreuzungsbereich hat sich ein idyllischer Winkel mit einigen kleinen älteren Wohnhäusern erhalten. An diesem alten Zugangsweg zum Schloss bildete sich im Mittelalter eine Sondergemeinde aus herrschaftlichen Bediensteten mit eigenen Privilegien und Rechten, die bis 1743 bestand.

Die holprige Pflasterstraße führt uns nun direkt hoch zu Schloss und Schlossgarten. Eintrittskarten bekommt man im neuen Besucher-zentrum auf der rechten Seite.

Der Schlossgarten mit den verschiedenen Aussichtpunkten ist aber frei, so dass auch diejenigen auf ihre Kosten kommen, die keine Schlossbesichtigung machen möchten (Weiterfühende Infos zur Geschichte von Schloss und Garten siehe im Buch "Kreuz und quer durch Heidelberg).

Vom Schlossgarten hat man an vielen Stellen prächtige Ausblicke auf die Stadt und das idyllische Neckartal. Diese einmalige Szenerie zog und zieht schon seit Generationen Menschen aus aller Welt in ihren Bann und so muss man sich an schönen Wochenenden manchmal ein freies Aussichtsplätzchen fast erkämpfen. Wesentlich ruhiger geht es auf den Schlossgartenterrassen östlich der Ruine zu und dabei ist hier der Blick noch beeindruckender, weil das bizarre Gemäuer der Schlossruinen und die auslaufenden Hänge des Odenwaldes die Altstadt mit dem Neckar wunderbar in Szene setzt. Der kurze Gang zur Aussichtskanzel der Scheffelterrasse am nördlichsten Zipfel des Gartens ist deshalb unbedingt zu empfehlen.

 

 

 Vom einst prachtvollen Renaissancegarten Hortus Palatinus blieb neben den Stützmauern hauptsächlich das Wasserpaterre mit „Vater Rhein“, auch als „Neptunbrunnen“ bekannt, übrig. Über seine jetzige Existenz mag man sich heute wundern, liegt er doch etwas verloren auf seinen unbequemen Steinen am Rand des weitgehend ausgeräumten englischen Landschaftsparks. Wir gelangen nun über die links vom Brunnen bergauf führenden Treppenstufen oder den Fußweg bei der Scheffelterrasse in den Schloss-Wolfbrunnen-Weg und halten uns dort links. Dieses herrliche Sträßchen führt uns nun längere Zeit auf halber Höhe durch ein exquisites Wohnviertel mit schattigen Parks und einigen wunderschönen Aussichtplätzen.

 

 

I Info: Schloss-Wolfsbrunnen-Weg

Der Weg wurde seit den Anfängen der Besiedlung Heidelbergs genutzt. Da er auch den nordöstlichen Zugang zum Heidelberger Schloss bildete, sicherte man sie früh mit Schanzen und noch im 18. Jahrhundert kam im als Verkehrsweg große Bedeutung zu, da der Uferweg am Neckar zu sumpfig war. Die Bebauung mit Wohnhäusern begann am 1900 und die reizvolle Lage zog bald berühmte Persönlichkeiten wie den Biologen Otto Schmeil, den Industriellen Carl Bosch oder auch den Architekten und Rüstungsminister Albert Speer in ihren Bann.

 

Zunächst kommen wir am Gelände des ehemaligen Schlosshotels vorbei. Der alte Prachtbau von 1873 musste bei den jüngsten Umbauarbeiten in einen Apartmentkomplex sukzessive abgerissen werden, da sich die alte Bausubstanz auf Grund von Durchfeuchtungen als zu marode herausstellte. Der Neubau lässt aber noch die Formen des alten Grandhotels erahnen.

Nach einigen Biegungen führt uns der Weg an dem auch architektonisch sehr ansprechenden Carl-Bosch-Museum mit dem 2007 angebauten „Museum am Ginkgo“ vorbei. Das frühere Garagenhaus des Heidelberger Nobelpreisträgers für Chemie und Professors Carl Bosch bot ursprünglich Platz für seine Chauffeure und seine Automobile. Heute informiert eine interessante Ausstellung über sein Leben und Wirken. Darüber hinaus wird der Weg von den labortechnischen Anfängen der chemischen Industrie bis zum Aufbau riesiger Industriekomplexe der Hochdrucktechnik nachvollzogen und deren wirtschaftspolitische Auswirkungen dokumentiert. Wir wandern das Sträßchen weiter, kommen an mehr oder weniger mondänen Wohn- und Bürodomizilen wie der etwas abseits gelegenen Villa Schmeil (Nr. 29) des Biologieprofessors und Verfassers zahlreicher Fachbücher Otto Schmeil in einem fast urwaldähnlichen Park, oder der 1922 nach Plänen von Heinrich Metzendorf von der BSAF für den Chemiker Carl Bosch errichteten schlossähnlichen Villa Bosch (Nr. 33) vorüber. Das ab 1921 errichtete feudale Wohnhaus des Nobelpreisträgers von 1931 und Vorstandsvorsitzenden der BASF ist die größte Villa am Weg und durch seine neobarocken Züge stilistisch noch mit dem Bauen im Historismus vor dem 1. Weltkrieg verbunden. Die Familie Bosch lebte hier bis Carl Boschs Tod 1940. Ab 1945 wurde es zuerst Sitz der amerikanischen Oberbefehlshaber und beherbergte dann den Süddeutschen Rundfunk. Direkt daneben schließt sich die vom selben Architekten gebaute Villa Reiner (Nr. 35) mit neoklassizistischen Stilelementen an.

 

Das Anwesen des Industriellen Robert Reiner und bildete zusammen mit Boschs Villa einen kleinen Landschaftspark, da nach einer ursprünglichen städtebaulichen Konzeption die Villengärten im Schloss-Wolfsbrunnenweg einen zusammenhängenden Grünzug bis zum Schlossgarten bilden sollten. Ein Teil des Parkgeländes wurde inzwischen mit modernen Bauten einer Stiftung und eines Institutes bebaut, aber unterhalb davon sind noch einige der alten Bäume und Grünbereiche des früheren Gartens erhalten geblieben. Wir gehen weiter, kommen an einigen schönen Aussichtspunkten mit Blick auf das Benediktinerstift Neuburg und den Stadtteil Ziegelhausen vorüber, und erreichen schließlich den Stadtteil Schlierbach.

 

Im Ort spazieren wir den Schloss-Wolfbrunnen-Weg weiter und gelangen in die Wolfbrunnensteige, in der wir uns kurz rechts halten. Gleich nach dem Parkplatz führt uns ein Sträßchen hinunter zum eigentlichen Wolfsbrunnen und dem legendären Gasthaus Wolfsbrunnen, das 1822 im Schweizerhausstil nach Plänen von Wilhelm Frommel und unter der Leitung von Friedrich Weinbrenner errichtet wurde. Es ist das älteste Ausflugslokal Heidelbergs und beherbergte in seiner langen Geschichte auch allerlei Prominente und Hoheiten wie Zar Alexander I., Kaiser Franz I, Friedrich Wilhelm III oder Kaisern Elisabeth (Sissi) von Österreich. Bereits ab 1551 stand hier ein kurfürstliches Lust- und Jagdhaus mit Brunnen, Wasserspielen und Fischteichen.

 

In dem lauschig angelegten Brunnenteich steht im glasklaren Wasser auf einem Felsbrocken die 1895 fertiggestellte bronzene Wolfsfigur von Peter Coy. Die gesamte Anlage hat etwas Verwunschenes und würde sich hervorragend für eine Verfilmung des Märchens „Brüderchen und Schwesterchen“ der Gebrüder Grimm eignen. Der Legende nach soll zu Zeiten der römischen Besiedlung auf dem Jettenbühl, dem heutigen Schlossberg, die „Seherin“ Jetta gelebt haben und schließlich hier von einer hungrigen Wölfin getötet worden sein. Als man sie findet entsprang hier plötzlich eine Quelle, der „Wolfsbrunnen“.

Der schlesische Dichter Martin Opitz widmete im 17. Jahrhundert folgende Zeilen diesem Brunnen:

 

Vom Wolffesbrunnen bey Heydelberg
Du edler Brunnen du, mit Ruh und Lust umgeben
Mit Bergen hier und da alß einer Burg umbringt
Printz aller schönen Quell, auß welchen Wasser dringt
Anmutiger dann Milch, und köstlicher dann Reben,
Da unsres Landes Kron' und Haupt in seinem Leben,
Der werthen Nymph' offt selbst die lange Zeit verbringt (…),

 

Der alte Gasthof wurde 2012/13 zu einem modernen Restaurantbetrieb umgebaut und bietet eine gute Einkehrmöglichkeit. Wir wandern nun den Fußweg entlang des Baches talwärts und kommen unterhalb der hübschen evangelischen Bergkirche von 1910 in den Mühlenweg.

 

Nach dem Erreichen der ersten Häuser des früheren Dorfkerns biegen wir nach Haus Nr. 11 scharf rechts in den Jägerpfad ein, der uns in einem Bogen durchs alte Schlierbach mit seinen ursprünglich sieben Mühlen führt. Vor den Bahngleisen halten wir uns rechts und folgen dem Hermann-Löns-Weg bis zum S-Bahnhof Schlierbach-Ziegelhausen. Der Weg führt uns zwar durch keine von Löns besungenen Wacholderheiden, aber unsere Schritte werden mit einer schönen Aussicht auf Ziegelhausen belohnt.

 

 

Wer diese Tour nun beenden möchte, fährt von hier mit der S-Bahn wieder zum Ausgangspunkt zurück. Es besteht aber auch die Möglichkeit, mit der im Buch "Kreuz und quer durch Heidelberg beschriebenen Tour Nr. 4 wieder zum Ausgangspunkt zurückzuwandern.

 


Infos zur Tour

 

Tourenlänge: 6,5 km

 

Höhenunterschied: 90 m

 

ÖPNV:

Tourbeginn: S-Bahnhof Heidelberg-Altstadt, Karlstor

Tourende: S-Bahnhof Schlierbach-Ziegelhausen

S-Bahn: S1, S2, S5

 

Aus  "Kreuz und quer durch Heidelberg",- Paradiesische Spaziergänge (Silberburg-Verlag)

Erhältlich:

beim Silberburg-Verlag

und in allen lokalen Buchhandlungen.

Einkehrmöglichkeiten  auf der Tour: Cafés und Gartenlokale

 

Gastronomie in der Heidelberger Altstadt

 

Restaurant Wolfsbrunnen

Wolfsbrunnensteige 15

69118 Heidelberg

www.restaurant-wolfsbrunnen.de

Mo und Di Ruhetag

 

Wunderschön am Wolfsbrunnen mit kleinem Weiher gelegenes Lokal mit lauschiger Außenbewirtschaftung.

 

 

 

 


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