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Spaziergang durchs weihnachtliche Esslingen

Dieser faszinierende Stadtrundgang führt uns durch die malerische Esslinger Altstadt mit ihrem faszinierenden Mittelalter- und Weihnachtsmarkt.

 

Wir beginnen und beenden diese Tour am Esslinger Rathausplatz, der alljährlich im Advent ganz vom Zauber des Mittelaltermarkts umgeben ist. Der Markt, der zu den größten und schönsten Europas zählt, gibt uns vor allem abends beim romantischen Fackelschein eine Ahnung, wie sich das Leben hier früher abspielte. Auffälligster Bau ist das schmucke Alte Rathaus. Die zum Platz hin sichtbare Nordfassade wurde 1586 bis 1589 durch Heinrich Schickhardt im repräsentativen Renaissancestil mit filigranem Uhrenturm vor den Fachwerkbau von 1420 gesetzt. 1592 kam die astronomische Uhr mit den allegorischen Figuren Justitia und Temperantia dazu, die sich bei jedem Stundenschlag bewegen. Den älteren Gebäudeteil mit dem berühmten alemannischen Fachwerk werden wir am Schluss der Tour genauer in Augenschein nehmen.

 

I Info Mittelaltermarkt

Immer 4 Wochen vor Weihnachten beherrschen Magier, Gaukler, Feuerschlucker, allerlei Musikanten und fahrendes Volk die zauberhafte Altstadt. Schmiede, Fassbinder, Besenbinder und Glasbläser zelebrieren ihre alte Handwerkskunst und Kinder freuen sich mittelalterlichen Spielen wie dem Mäuseroulette. Zwischen den mittelterlichen Häusern wabert der Geruch von Holzkohlenfeuer und exotischen Gewürzen, von Würzwein, von Gesottenem und Gebratenem. Über 500 Programmpunkte erwarten Sie in diesen 4 Wochen: Ob auf den alten Plätzen oder in den engen Gassen. Überall lebt das Mittelalter. Wenn die Dunkelheit herein bricht, verbreiten überall Fackeln ein schummriges Licht zwischen den uralten Fassaden, Feuerkünstler wirbeln ihre Fackeln durch die Luft und Menschen tanzen zu jahrhundertealten Litaneien. Ein besonderes Highlight ist der traditionelle Fackelumzug zur Wintersonnenwende. Wer es zur Abwechslung gerne mal etwas besinnlicher mag, der spaziert einfach rüber zum Marktplatz mit seinem traditionellen Weihnachtsmarkt.

 

In der Geschichte der Stadt spielten sich öffentliche Ereignisse vor allem auf diesem Platz vor dem Rathaus ab. Hier fanden die großen Gelage der Oberschicht wie die "Schencke" oder der "Undertrunckh" statt, hier wurden hohe Gäste empfangen und an der Nordfassade wurde vor den sensationsgierigen Augen der der gesamten Einwohnerschaft dem auf den Markt geführten Delinquenten aus dem Fenster der Steuerstube der gebrochene Stab vor die Füße geworfen und somit sein Schicksal öffentlich besiegelt.

Schräg gegenüber vom Alten Rathaus sehen wir zwischen den mittelalterlichen Buden des Markts das nicht minder prächtige Neue Rathaus, das 1747 bis 1763 als Palais für den Freiherrn Franz Gottlieb von Palm entstanden ist. Der feine Reichsfreiherr hatte lange in Wien gelebt und dabei die wienerische Lebensart und Baukunst kennen und lieben gelernt. Sein neues Domizil ließ er deshalb nach dem Vorbild Wiener Barockbauten errichten. Von Palms Nachkommen hatten andere Pläne und veräußerten das Adelspalais zunächst an Alexander von Württemberg, der es nach einigen Jahren der Stadt verkaufte. Rechts vom neuen Rathaus steht das Dekanatsgebäude, das im ältesten Teil wohl noch aus dem 16. Jahrhundert stammt. Der repräsentative klassizistische Flügel wurde erst 200 Jahre später zum Rathausplatz hin angebaut. Bis 1831 befand sich dort der Bechtsche Turm aus dem 13. Jahrhundert, der dem ehrgeizigen Bauprojekt weichen musste. Ein, wenn auch nicht unbedingt ungewöhnliches Kuriosum im sparsamen Schwaben ist, dass die Bauleute das uralte Untergeschoss des Turmes erhalten haben und zum Dekanatskeller umfunktionierten. Den nördlichsten Abschluss des Platzes bildet der mittelalterliche Bau der Gaststätte Reichsstadt, der früheren Bürgerstube mit Kornhaus. Auf der Ostseite sehen wir das das sogenannte Bahnmayersches Haus, einem imposanten spätklassizistischen Wohn- und Geschäftshaus von 1844. Wir gehen links von diesem Gebäude in östliche Richtung weiter und gelangen in die Webergasse, einer schönsten Gassen in der Esslinger Altstadt mit zahlreichen prachtvollen historischen Gebäuden reicher Patrizierfamilien und kirchlichen Pfleghöfen. Gleich am Beginn der Straße sehen wir beim mittelalterlichen Wohnhaus Nr. 1 einen schönen Wappenstein mit abgebildeten Weintrauben. Er bringt deutlich zum Ausdruck, wodurch die vielen angesehene Patrizierfamilien in der Weberstraße ihren Wohlstand im Mittelalter erlangt haben: sie waren meistens Weinhändler, die das kostbare Nass weit über die Grenzen der Reichsstatt exportierten. Wesentlich bescheidener lebten hingegen die „Wengerter“, die ihre bescheidenen Behausungen in den Vorstädten wie der Beutau hatten.  

Gleich daneben steht der erstmals 1327 erwähnte und heute ganz in Weiß und Gold gehaltene barocke Pfleghof des Konstanzer Domkapitels von 1770 (Webergasse 3), der sich deutlich von seiner mittelalterlichen Umgebung abhebt. Ein paar Meter weiter kommen wir am Pfleghof des Zisterzienserklosters Bebenhausen aus dem 13. Jahrhundert vorüber, in dem heute die Stadtbibliothek untergebracht ist. Das wohl älteste Fachwerkwohnhaus Deutschlands finden wir gegenüber in der Webergasse 8, denn es stammt im Kern noch aus dem Jahr 1266. Im Westteil musste das Fachwerk später nach einem Brand erneuert werden, aber der Dachstuhl ist noch weitgehend original erhalten. Das „Rekordhaus“ befindet es sich übrigens in wohlbekannter Gesellschaft, denn seine umliegenden mehrstöckigen Nachbarn stammen fast alle noch aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Ein Geheimnis birgt das Haus zum Wolf (Nr. 18) aus dem 15. Jahrhundert, an dessen Ecke als Hausschmuck ein lebensgroßer angeleinten Wolf oder Hund seit Jahrhunderten die Gasse zu bewachen scheint. Was es damit auf sich hatte, ist leider nicht mehr überliefert.

Nach wenigen Schritten kreuzt am Beginn des Landolinsplatzes die Landolinsgasse, in die wir nach rechts einbiegen. Kleinere, aber nicht weniger charmante alte Domizile säumen den Weg.  Haus Nr. 8/1 ist ein mittelalterliches Wohnhaus von 1360, das im 19. Jahrhundert dem jüdischen Viehhändler Samuel Lauchheimer gehörte. Im Erdgeschoss betrieb er eine zu damaliger Zeit ganz im Trend liegende Milchkuranstalt, in der kurmäßig warme Milch oder Molke getrunken wurde. Sein Viehstall befand sich schräg gegenüber. Wir gehen die Heugasse nach links und kommen an einem mittelalterlichen Wohntrakt des ehemaligen Fürstenfelder Pfleghofs vorüber (Nr. 20). An der ansonsten Fassade des unscheinbaren Hauses hat sich eine mittelalterliche Darstellung eines „Gnadenstuhls“ aus dem 14 Jahrhundert erhalten.

An der nächsten Kreuzung spazieren wir die Straße Im Heppächer weiter, bis wir zur jüdischen Synagoge gelangen. Das mittelalterliche Zunftshaus der Schneider Nr. 3 wurde 1819 von der jüdischen Gemeinde Esslingens erworben und in ein Gemeindezentrum mit Betsaal, Unterrichtsraum und Vorbeterwohnung umgebaut. Fast 120 Jahre lang wurden nun jüdische Gottesdienste abgehalten, die ab 1863 in der Stuttgarter Liturgie mit deutschem Gebet, Choralgesang und Harmonium-begleitung gefeiert werden. Beim Novemberpogrom 1938“ wurden die Synagoge und auch das jüdische Waisenhaus oberhalb der Burg von Nazis demoliert und jüdische Mitbürger teilweise schwer misshandelt. Das lange nur als Galerie genutzte Gebäude ist seit kurzem auch wieder Synagoge und Begegnungszentrum für die jüdische Gemeinde. An der nächsten Kreuzung erreichen wir einen kleinen Platz mit dem Zwiebelbrunnen. Der 1984 aufgestellte Brunnen des Bildhauers Wolfgang Klein spielt auf den Esslinger Spitznamen „Zwieblinger“ an. Laut einer alten Geschichte soll der Teufel Esslingen besucht haben und von einer couragierten Marktfrau statt des verlangten Apfels mit einer Zwiebel abgespeist worden sein. Dieser spuckte die scharfe Knolle wütend aus und schrie: „Von nun an sollt ihr alle Zwiebeln heißen!“.

Wir gehen geradeaus weiter und biegen nach wenigen Schritten nach rechts in die malerische Franziskanergasse ein, die in diesem Abschnitt von fast archaischen anmutenden Behausungen wie das 1372 errichte Wohngebäude Nr. 19 flankiert wird. Nach wenigen Schritten weitet sich die enge Straße zu einem idyllischen Platz.

Mittendrin steht der imposante gotische Chor der ehemaligen Franziskanerkirche St. Georg, die ursprünglich der St. Mariä Krönung geweiht war. Von der früher beeindruckenden Klosteranlage mit Kreuzgang und dreischiffiger Basilika ist neben dem hohen Chorgebäude nur noch der stark umgebaute Westflügel des einstigen Konvents am Blarerplatz erhalten geblieben. Wer das auch als „Hintere Kirche“ bezeichnete Gotteshaus besichtigen möchte, gelangt über die Türe am Übergang vom Chor zum Gemeindehausanbau ins Innere. Dort betritt man den typisch spartanisch gehalten Chor der Barfüßermönche über den noch erhaltenen gotischen Lettner. Die ersten Franziskaner ließen sich wohl bereits 1237 in Esslingen nieder und begannen um 1270 mit dem Bau dieser Kirche. Die prächtigen bunten Glasfenster des Chors, von denen einige 1899 nach St. Dionys verfrachtet worden sind, entstanden um 1320. Sie wurden bereits mit Silbergelb bemalt, das erst kurz zuvor in Paris aufgekommen war. Das zeigt den damaligen hohen Rang Esslingens als Kunstzentrum. Wir verlassen die Kirche wieder und gehen einige Schritte zurück in östliche Richtung. Auf der linken Seite steht ein aus mehreren alten Fachwerkhäusern bestehendes hübsches Ensemble mit einer auffälligen Schieferverkleidung aus der Zeit um 1900.

Wir folgen dieser Gasse kurz in südliche Richtung und halten uns am Ende der restlichen Klostermauer mit Porte wieder links. Die Schmale Gasse hieß bis 1937 Judengasse und war Teil des jüdischen Viertels. In der Straße Im Heppächer  wandern wir in südliche Richtung weiter und erreichen den Ottilienplatz mit dem 1564 erstmals als Gilgenbrunnen bezeichneten Ottilienbrunnen. Seinen früheren Namen verdankt der 1711 mit dem charakteristischen Pinienzapfen gefertigte Standsteinbrunnen einer Ägidiuskapelle im nahen Gilgen- oder Ottilienhof. Seit 1562 galt das schwefelhaltige Wasser als Heilwasser und wurde im sogenannten Ilgenbad für Heilanwendungen verwendet. Die ehemalige Bijouteriefabrik Alfred Huttenlocher bildet seit 1911 Ostseite des Platzes, nachdem zuvor die Ägidiuskapelle weichen musste. Planer war Otto Junge. Das Stahlbetongebäude mit ausgefallener Sichtbetonfassade gehört zu den frühesten Exemplaren ihrer Art und ist eines von vielen eindruchvollen Industriedenkmalen Esslingens.

 

Wir gehen in südliche Richtung und gelangen in die wesentlich breitere Küferstraße.

 

 

Das archaisch anmutende Wolfstor ist ein absoluter Eyecatcher und stellt alle anderen Fachwerk- und Steinbauten der platzartig erweiterten Straße in den Schatten. Der massiv gemauerte Torturm mit quadratischem Grundriss, Zinnenkranz, geschweiftem Vollwalmdach und Glockentürmchen stammt von 1220 und ist somit das älteste noch erhalte Stadttor Esslingens. Die spitzbogige Tordurchfahrt, durch die jahrhundertelang Händler aus allen Teilen Europas ihre Karren zogen, ist an der Außen- und Innenseite mit staufischen Löwen geschmückt.

Ursprünglich nannten es die Bürger Obertor, ab 1411 Brottor und seit 1551 ist es als Wolfstor bekannt, vermutlich weil die Esslinger inzwischen nichts mehr von den Staufern und ihren fauchenden Löwen wussten und sie als heulende Wölfe interpretierten. Vor dem Tor donnert heute der Autoverkehr vorbei, ausgerechnet auf der Entengabenstraße, die früher als beschaulicher Weg am lauschigen Wassergraben vor der Mauer entlang lief. Direkt gegenüber mündet die Obertorstraße ein, durch die der mittelalterliche Fernhandelsweg in die Stadt verlief.

 

Wir spazieren nun die Küferstraße mit weiteren mittelalterlichen Fachwerkhäusern Richtung Westen bis zum Eichbrunnen. Der älteste Esslinger Brunnen taucht bereits 1279 als "Kupherbrunnen in alter alten Urkunde auf. 1374 hieß er bereits Ychbrunnen. Der heutige Brunnen besteht aus einer gotischen Sandsteinschale mit vier Männerköpfen, die vermutlich aus dem Karmeliterkloster stammt. Hier biegen wir nach rechts in den Blarerplatz ein. Am nördlichen Ende des hübschen baumbestandenen Platzes, auf dem im Mittelalter der Holzmarkt abgehalten wurde, erreichen wir wieder die Landolinsgasse. Auf der linken Seite erhebt sich der mächtige Denkendorfer Pfleghof, der im Kern noch von 1414 stammt. Wir wandern weiter bis zur Milchstraße. Das mittelalterliche Eckhaus Landolinsgasse 1 beherbergt eine unerwartete Rarität. Im ehemaligen Zunfthaus der Schuhmacher und Weinschenken befindet sich noch eine gotische Hauskapelle, in der Wilhelm Preetorius 1984 das kleinste Theater Esslingens, das LIMA, gegründete. Die literarischen Aufführungen des winzigen Marionettentheaters im kreuzrippengewölbten Raum sind ein besonderes Erlebnis und erfreuen sich großer Beliebtheit. Wir halten wir uns nun links und gelangen auf der Milchstraße nach kurzer Zeit den wunderschönen Hafenmarkt, den wir in nordwestliche Richtung queren.Der Duft von Bratäpfeln, Glühwein und Petroliumfunzeln hüllt uns ein. Wir sind wieder auf dem Mittelaltermarkt.

Hier befand sich einst die staufische Kernstadt und es blieben im oberen Teil noch einige Häuser aus dieser Zeit erhalten. Eine Besonderheit ist das sogenannte Gelbe Haus auf der rechten Seite, einem steinernen Wohnturm mit 1,60 m dicken Mauern und spitzbogigen Fenstern aus der Zeit zwischen 1259 und 1269. Ein idealer Ort für das Stadtmuseum, das hier und im barocken Nachbarbau anschaulich die geschichtliche Entwicklung und Bedeutung Esslingens zeigt. Oberhalb davon sehen wir die stattliche Südwand des Bebenhäuser Pfleghofes.

 

Wir verlassen nun den Hafenmarkt gegenüber vom Gelben Haus und schreiten an den schön renovierten mittelalterlichen Wohnhäusern (Nr. 2-10) vorüber. Sie wurden allesamt vor 1333 erbaut, wobei das Haus Nr. 2 von 1328 nach dem Abbruch 1980 wieder rekonstruiert werden musste, und ist damit die älteste bekannte Häuserzeile in Deutschland. Schließlich erreichen wir wieder den Rathausplatz mit dem Alten Rathaus, allerdings diesmal von Süden her.

Der um 1420 als städtisches Kauf- und Steuerhaus errichtete Bau gilt mit seinem eindrucksvollen Südgiebel als ein Hauptwerk des alemannischen Fachwerkbaus mit den charakteristischen wuchtigen Eichenbalken in der Form des „Schwäbischen Mannes". Wir gehen rechts dran vorbei und erreichen wieder den Ausgangspunkt. Von hier lohnt es sich, über den sich im Westen anschließenden Marktplatz mit dem Weihnachtsmarkt zu schlendern. Blickfang dieses Markt ist die große Weihnachtspyramide vor dem Kielmeyerschen Haus.

 

 


Infos zum Spaziergang

 

Tourenlänge: 1,2 km

 

Höhenunterschied: -

 

ÖPNV:

Von Tübingen Hauptbahnhof mit dem Interregio-Express  direkt nach Esslingen oder mit dem Regional-Express bis Plochingen und von dort mit der S1 bis Esslingen Hauptbahnhof

 

Abgewandelt aus  "Stadtwanderführer Esslingen"

(Theiss-Verlag)

Erhältlich:

beim Touristinformation oder in allen lokalen Buchhandlungen.

Einkehrmöglichkeiten auf der Tour: z.B. die zahlreichen leckeren Essenstände auf dem Mittelaltermarkt


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