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Wandern in Tübingen: Über den Schlossberg zur Tübinger Riviera und die Neckarinsel

Dieser kurzweilige Spaziergang führt uns vom alten Universitätsviertel durch die beliebtesten Wohnquartiere des mittelalterlichen und gründerzeitlichen Tübingens. Auf unserer Tour haben wir immer wieder hinreisende Ausblicke aufs Umland und die Altstadt.

 

Beginn und Ende dieser Tour ist der Tübinger Hauptbahnhof. Zwischen Bahnhof und Stadt liegt der Europaplatz. Wir queren den Busbahnhof und verlassen den Platz in nordöstliche Richtung und kommen über die Europastraße zur Karlstraße, in der wir uns links halten. Am neu gestalteten Kreuzungsbereich erreichen wir linker Hand das 1914 eingeweihte Uhlandbad. Mit seinen innovativen Ideen machte der damalige Stadtwerkechef Otto Henig den Bau eines lang ersehnten „Volksbades“ trotz knapper Kasse möglich. Der ausgefuchste Tüftler ließ eine 1,6 Kilometer lange Fernwärmeleitung vom Gaswerk hierher legen und sorgte durch die Abwärmenutzung kostengünstig und umweltfreundlich für warmes Wasser im neuen Bad. Im Untergeschoss nutzte man Wärme für Wannenbäder, in denen übrigens auch Hunde gebadet werden durften, was sicher nicht immer ganz freiwillig und lautlos passierte. Diese damals bahnbrechende Technik fand bald überregional große Beachtung. In den 1960er und 1970er Jahren erfolgten Innen, ganz im Trend der Zeit, wenig sensible Umbauten und das elegante neun Meter hohe Tonnengewölbe mit runder Lichtrosette verschwand ebenso wie „altbackene“ Schnörkel hinter nüchternen Verkleidungen. Wir gehen weiter und erreichen nach dem Hotel Krone mit dem Café Ludwigs das Verlagshaus des Schwäbischen Tagblatts und somit die Eberhards- bzw. Neckarbrücke.

Von ihr haben wir herrliche Ausblicke auf die weltberühmte Tübinger Neckarfront mit dem mittelalterlichen Giebelhäusern, dem Hölderlinturm und dem Schloss Hohentübingen und auf der anderen Seite die Gartenstraße mit den Villen und Verbindungshäuser am Österberg. Zusammen mit den auf dem Neckar ziehenden Stocherkähnen sind diese einmaligen Bilder unverwechselbar Tübingen.

An Stelle der heutigen Brücke befand sich ab Ende des 15. Jahrhunderts eine Steinbrücke mit fünf Rundbögen. Sie wurde 1899 abgerissen und bis 1903 durch eine zweibogige Brücke mit pyramidenartigen Steintürmchen zur Aufstellung eines Standbilds mit Graf Eberhard ersetzt. Die Sprengung dieser Brücke durch die abziehende Wehrmacht am Kriegsende 1945 konnte in letzter Minute durch den beherzten Einsatz des Tübinger Ochsenwirts verhindert werden, der das Sprengkommando beim Einmarsch der Franzosen mit einem schwäbischen Vesper ablenkt haben soll. 1951 wurde die Brücke für den Verkehr verbreitert und dabei auch das im Krieg beschädigte Steintürmchen und leider auch der prächtige Treppenabgang zur Platanenallee abgerissen. Am Ende der Brücke biegen wir an der nächsten Kreuzung nach links in die quirlige Neckargasse ein. Nach der Kurve halten wir uns vor dem Aufgang zur Stiftskirche nochmals links und wandern durch die wesentlich ruhigere Clinicumsgasse weiter. In der hohen Stützmauer rechts sehen wir noch eingelassene Grabplatten, letzte sichtbare Reste des uralten Stadtfriedhofs südlich der Stiftskirche.

Nach kurzer Zeit erreichen wir den mächtigen Fachwerkbau der Alten Aula. Das jetzige Haus von 1547 geht auf einen Vorgängerbau von 1477 zurück, damals eines der ersten Gebäude der neu gegründeten Universität. Ein Brand in der "Sapienz" machte diesen Neubau notwendig. 1777 wurde Fassade und Dach zur Münzgasse hin beim 300-jährigen Universitätsjubiläum im frühklassizistischen Stil umgestaltet. Von 1663 bis 1804 befand sich am Gebäude der Hortus Medicus, der erste Botanische Garten der Universität, heute ein fader Asphaltplatz. Eigentlich ein bedeutsamer Ort, denn hier entdeckte der Medizinprofessor Rudolf Jakob Camerarius (1665-1721) die Geschlechtlichkeit der Pflanzen. Wir unterqueren das Gebäude und gehen rechts an der Burse vorbei, die im 15 Jahrhundert zunächst als Studentenwohnhaus und Lehranstalt erbaut worden war (siehe Tour 1). Nach Umbau und Erweiterungen in den Jahren 1805 bis 1846 wurde sie Universitätsklinikum, später Zahnklinik, wodurch diese Gasse ihren Namen erhielt. Einer der ersten Patienten war übrigens Friedrich Hölderlin, der den Bau 1807 nach einer 231 Tage dauernden erfolglosen Behandlung wieder verließ und fortan im danebenliegenden Turm versorgt wurde. Über uns, gegenüber der Burse, befindet sich die Melanchthonschule. Sie geht auf das Fakultätshaus „Neues Collegium“ aus dem 15. Jhd. zurück. 1777 wurde es im Rahmen des Universitäts-Jubiläums neu aufgebaut und 1847 für die Einrichtung einer Mädchenvolksschule aufgestockt.

 

Links daneben sehen wir der Steinmauer die zwei kleinen Fensterlöcher des ehemaligen Universitäts-Karzers an der Münzgasse. Die beiden gewölbten Räume waren der Keller des Fakultätshauses (Münzgasse 20). Der Karzer bestand von 1515 bis 1845 und ist somit die älteste noch erhaltene Studenten-Arrestzelle Deutschlands. Er kann derzeit wegen Bauschäden leider nicht besichtigt werden. Wir schlendern weiter. Zwischen alten Fachwerkhäusern aus dem 15. und 16. Jahrhundert kreuzen immer wieder halsbrecherische Staffeln die Gasse. Hübsch eingegrünte Sitzplätzchen sorgen für ein angenehmes Wohnen in diesem Quartier.

Das Gässchen wird nun zu einem schräg nach oben führenden Treppenweg und wir erreichen die Münzgasse. Dieses Sträßchen, in dem im Mittelalter der silberne „Tübinger Pfennig“ im Auftrag der Pfalzgrafen geprägt wurde, besticht durch stattliche, überwiegend noch mittelalterliche Wohnhäuser. Ursprünglich lebte hier die Oberschicht was man noch an den Wappensteinen wie bei den Monden von Haus Nr. 6 erkennen kann. Wir gehen nun die Gasse nach links weiter. Nach wenigen Schritten kreuzen fünf Wege die hier endende Münzgasse: Neckarhalde, Burgsteige, Wienergässle, Kronenstraße und Klosterberg. Wir sind am sogenannten Faulen Eck mit seinem stacheligen Johannesbrotbaum angelangt, einer der vielen bezaubernden Winkel in der Altstadt.

 

Wir bummeln die wunderschöne Neckarhalde weiter, kommen zunächst am Evangelischen Stift vorbei. 1264 als Augustiner-Eremiten-Kloster errichtet, ist es seit dem 16. Jahrhundert Ausbildungs- und Wohnstätte für evangelische Studierende.

Hinter dem tiefen Bärengraben, in dem angeblich früher Bären gehalten worden sein sollen, sehen wir noch die Außenmauer der ehemaligen Klosterkirche mit einer Sonnenuhr am Westgiebel. Ein besonders malerisches Altstadtensemble mit kleinen Lädchen und Galerien hat sich auf der rechten Seite erhalten.

Am Haus Nummer 12 erinnert eine Tafel an die Geburt von Albert Knapp. Der vor allem als Pfarrer, Dichter und Kirchenmusikdirektor bekannte Tübinger war ein vielschichtiger Mensch mit Ecken und Kanten. Während seines Studiums in Tübingen hält der begeisterte Burschenschaftler und angehende Pfarrer am 18. Juni 1819, dem Jahrestag von Waterloo, eine aufrührerische Rede gegen despotische Monarchen und für ein geeintes Deutschland.

 

Insgesamt entspringen seiner Feder rund 1200 weltliche und vor allem geistliche Gedichte und Lieder, von denen einige in Gesangbüchern aufgenommen werden. Der "geistliche Klopstock des 19. Jahrhunderts", wie man ihn damals nannte, sammelt außerdem zahlreiche kirchliche Lieder und gibt sie 1837 als „Evangelischen Liederschatz für Kirche und Haus“ heraus. Im selben Jahr gründet er in Stuttgart den ersten Tierschutzverein Deutschlands, was er mit seiner christlichen Überzeugung und zahlreichen Missständen begründet. Die Idee hierzu hatte sein Freund und Vorbild, der kurz zuvor verstorbene pietistische Pfarrer Christian Adam.

Wir spazieren weiter und stoßen auf den nächsten großen Namen. Im Haus Nr. 24 hat am 26. April 1787 der schwäbische Dichter, Literaturwissenschaftler, Jurist und Politiker Ludwig Uhland als Spross einer renommierten Gelehrtenfamilie das Licht der Welt erblickt (siehe Tour 1). Rechts daneben, im Haus Nr. 22 befand sich zu dieser Zeit die Studentenkneipe „Schmidtsche Schenke“, in der am 18.Juni 1826 bei einer Großrazzia 100 Studenten während einer aufrührerischen „Waterloo-Feier“ verhaftet wurden. Aus wesentlich banaleren Gründen hat sich das schräg gegenüber liegende Haus Nr. 7 einen Namen gemacht. Die Leerung der Abortgrube muss wohl eine mühsame Angelegenheit gewesen sein, denn es wurde sicher nicht umsonst zum Zielobjekt der berüchtigten „Raupen-Hymne“: Die Raupen alias Gôgen waren die verarmten Wengerer aus der Unterstadt (siehe Tour 2), die sich beim Gruben-Leeren ein paar Pfennige dazu verdienten und so auch Dünger für ihre Bräschdleng (Erdbeeren) und Gemüsegärten bekamen. In ihrer respektlosen Hymne "Karle schmier dae Bruschd mid Lädda, ziag daen Scheißdrägswammes ah…“, wird beschrieben, wie man in diesem Professorenhaus die Fäkalien umständlich mit einer Schöpfkelle herausholen musste und sie in den Gärten der Gôgen zum Erdbeeranbau verwendet wurden. Nach einigen Schritten durch die bezaubernde Altstadtgasse stehen wir beim ehemaligen Hirschauer Tor, von dem seit seinem Abbruch um 1832 nur noch der Rumpf eines seitlichen Rundturms erhalten geblieben ist. Heute ein lauschiges Wohndomizil.

 Auf der anderen Straßenseite können wir tief in einen alten Brunnenschacht blicken, der fast das Neckarniveau erreicht. Daneben wurde bei der Neugestaltung des Platzes nach dem Torabbruch ein hübscher Eisenbrunnen im Biedermeierstil aufgestellt. Hier verlassen wir die Altstadt wieder und streifen nun durch ein charmantes Wohnviertel mit ehemaligen Stadtvillen und hübschen Gartenhäuschen von Professoren und höheren Beamten. Zur Stadtmauer hin stammen die Häuser aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, je weiter wir nach Westen kommen, desto jünger werden sie. Durch die reizvolle und sonnige Lage zwischen Neckar und Schloss entwickelten sich die alten Weinberge vor der Stadt rasch zu einem hippen Wohngebiet des wohl situierten Bürgertums.

Vor dem 1974 gebauten Fußgänger- und Fahrradtunnel, öffnet sich ein rechts oben führenden, ehemaligen Weinbergweg, dem wir folgen. Oben erreichen wir an einem 1905 erbauten Verbindungshaus die Schlossbergstraße, in der wir uns links halten. Gleich neben der 1877 im Derendinger Lamm gegründeten Burschenschaft Derendingia mit der herrlich gelegenen „Fuxenterrasse“ ragt wie ein alter Burgfried das weithin sichtbare Domizil der Akademischen Vereinigung Igel in die Höhe. Die Igel unterscheidet sich durch ihre ständig wehende Europafahne schon von weitem sichtbar von anderen Verbindungshäusern. 1871 als sogenannte Schwarze Verbindung gegründet, waren Farbentragen und eigenen Fahnen von Anfang an tabu. Wir spazieren weiter, und gehen am 1912 im Stil der Neorenaissance gebauten Haus der Verbindung Virttembergia (Nr. 9) vorüber.

 

Mit seinen bunten Ziegeln, dem verspielten Gründerzeitdekor und der herrlichen Aussichtslage ist das Gebäude Nr. 15 eines der attraktivsten Wohnadressen in der Straße. Das hat wohl auch das junge Paar Inge und Walter Jens bewogen, hier 1951 die Parterrewohnung zu beziehen. Im Stock darüber hatte die Jahre zuvor der französische Philosophiestudent und spätere Schriftsteller Michel Tournier als Untermieter bei einer schwäbischen Familie eine Bleibe gefunden. Nach einigen Schritten erreichen wir das Haus der Tübinger Rothenburg (Nr. 23). Die 1880 von evangelischen Theologie-Studenten gegründete Vereinigung war wie die Igel nie farbentragend und wurde 1972 nach den Studentenprotesten in den Verein Rothenburg e.V. umgewandelt. Heute ist sie eine selbstverwaltete Groß-WG mit 16 Zimmern für Studierende. Wie bei Verbindungen gilt aber noch das Solidarprinzip, bei dem die berufstätigen „alten Vereinsmitglieder“ die Studierenden weiterhin finanziell unterstützen. Furore machte das 1910 fertiggestellte Domizil, als es nach dem Zweiten Weltkrieg von der Französischen Armee beschlagnahmt und in ein Bordell umgewandelt wurde. Da sich nur sehr wenige Frauen zu Arbeit im neuen „Maison de tolerance“ bereit erklärten, wurde der Tübinger Polizeirat Büchler mit der Damensuche beauftragt. Als auch er scheiterte, soll er wegen „Sabotage“ selbst im Knast gelandet sein.

 

Schräg gegenüber steht das sogenannte Goethehäuschen, das älteste Gebäude in der Schlossbergstraße. Der achteckige Bau bekam seinen Namen nach einem Besuch Goethes bei einem Abendspaziergang am 7. September 1797 in Begleitung seines Verlegers Johann Friedrich Cotta und dem Apotheker Christian Gmelin. Gmelin war Eigentümer des Gartenhäuschens, und Goethe schwärmte in seinem Tagebuch über den schönen Ausblick vom Garten in beide Täler. Das nun berühmt gewordene Bauwerk wurde seither immer wieder umgebaut und optisch verändert, man könnte auch sagen, verunstaltet. Zuletzt wurde ihm auch noch seine freie Lage durch die Neubauten auf dem Nachbargrundstück genommen. An der nächsten Kreuzung wandern wir den Lichtenberger Weg weiter. Etwas weiter oben sehen wir links einen Parkplatz unter Bäumen. Wir spazieren über die Zufahrt und folgen dem rechts hochführenden Aussichtpfad mit Ruhebänken, auf dem laut Beschilderung auch alte Pilgerwege und der neu angelegte Ludwig-Uhland-Liederweg verlaufen. Immer wieder kommen wir an faszinierenden Aussichtplätzen vorüber und erreichen schließlich ein faszinierendes Aussichtsplateau unter einer alten Eiche.

 

Nun folgen wir wieder dem asphaltierten Sträßchen in gleicher Richtung und folgen an der nächsten einer Wegekreuzung dem rechts hochführenden Asphaltweg zum Bismarckturm. Der 16 m hohe säulenartige Steinturm wurde ab 1900 von patriotischen Tübinger Studenten nach dem preisgekrönten Entwurf „Götterdämmerung“ von Wilhelm Kreis errichtet und 1907 mit einem Fackelzug feierlich eingeweiht. In vielen anderen deutschen Universitätsstädten kam es in dieser Zeit zu ähnlichen Bauten, die stets in der festgelegten Form einer Feuersäule entstanden. Die deutsche Studentenschaft veranstaltete damals unter dem Motto "Flammen über ganz Deutschland zu Ehren Bismarcks" an bestimmten Tagen (z. B. Bismarcks Geburtstag) eine einheitlich geplante Befeuerung der Türme für den ersten deutschen Reichskanzler. Der Turm war nie als Aussichtsturm gedacht und ist auch heute meist verschlossen. 1959 planten die Stadtwerke die Umwandlung in einen Wasser-Hochbehälter, was jedoch verworfen wurde. Der stets verschlossene Turm verfiel immer mehr, bis sich 1999 ein Tübinger Ehepaar erbarmte und die kompletten Sanierungskosten spendete. Der Turm wurde wieder begehbar gemacht, wobei man die Feuerschale entfernte. Der Schlüssel kann bei der z.B. bei der Touristeninformation nach vorheriger telefonischer Reservierung gegen eine Gebühr entliehen werden.

 

 

Wir wandern nun westlich des Turms über einen geschotterten Pfad wieder hinunter zum Lichtenberger Weg. An der Stelle, wo der Burgholzweg von rechts einmündet, halten wir uns links und gelangen schließlich in den asphaltierten Montfortweg, wo wir uns wieder links halten. An einigen Stellen haben wir schöne Ausblicke auf das Neckartal und die umliegenden Höhenzüge. In den Gartengrundstücken links und rechts des Wegs sehen wir noch da und dort alte Wengerterhäuser aus der noch nicht allzu fernen Zeit, als diese Hänge noch für den Weinbau genutzt wurden. Nach einiger Zeit erreichen wir die ersten Wohnhäuser und spazieren den Pfalzgrafenweg geradeaus weiter.

 

Vor der Rechtskurve haben wir einen hinreisenden Blick auf die Altstadt und das Schloss und erreichen ein mondänes Villenviertel aus der Zeit um 1900. Türme, Erker und verspielte Dachaufbauten prägten nun das Bild des Neckarhangs, weshalb man diesem herrlich gelegenen Quartier an der „Pfalzhalde“ bald den Spitznamen „Tübinger Riviera“ oder „das Nizza“ verpasste. Würden wir uns im Monopoly-Spiel bewegen, wären wir jetzt auf der „Schlossstraße“ angelangt. Die Straße macht nun einen Schwenk in die Biesinger Straße, der wir talwärts folgen. Die Villen wurden für Tübinger Honoratioren wie Professoren, Ärzte oder hohe Dienstgrade der Kasernen errichtet, teilweise als Einfamilienhäuser, einige auch als Luxusmietshäuser für zwei oder drei Familien. Intitiator und Planer vieler Bauten war der Tübinger Bauunternehmer Paul Beck. Mit dem Fassadendekor beauftragte man auch renommierte Stuttgarter Architekturbüros wie Eisenlohr & Weigle, die darin mehr Erfahrung hatten.

Der bekannte Tübinger Heimatforscher und Naturschützer Eugen Nägele schwärmt 1900 in seinen „Tübinger Blättern“ von der geschützten Lage, dem wunderbaren Sonnenschein und dem herrlichen Panorama. Ein Nachteil war die starke Hangneigung, die hohe Gründungskosten verursachte und oft lange Treppenaufgänge erforderlich machte. Das Haus Nr. 9, gleich an der Kreuzung, war das Domizil des Professors für Rechtswissenschaften Max von Rümelin und seiner Bonner Ehefrau Mimi (Wilhelmine) und hatte beim Bau im Jahr 1900 bereits eine moderne Zentralheizung.

Damals, eine kleine Sensation im noch eher kleinstätischen Tübingen. Sein Vater Gustav Christian Friedrich von Rümelin war bekannter Theologe, Staatsrat und Professor für Statistik, vergleichende Staatenkunde und Philosophie. Vater wie Sohn waren Rektoren und Kanzler der Universität. Vater Gustav war übrigens für damalige Tübinger Verhältnisse etwas „fortschrittlicher“ eingestellt. So schrieb er 1888 an den Vater der studierwilligen Maria Gräfin von Linden: „Die Tübinger Universität gehört zu den ungalantesten in Deutschland, insofern sie, womit ich selbst nicht einverstanden war, den Damen auch jeden Besuch ihrer Vorlesungen versagt (…)“. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis sich hier die erste Frau immatrikulieren durfte.

Die Backsteinvilla Nr. 7 entstand 1894 nach Plänen von Regierungsbaumeister Kempter für einen Generalmajor von Schmid, der hier mit seiner Familie residierte. Zur selben Zeit entstand gegenüber die Biesinger Straße 14, damals auch als „Bühlersches Haus“ bekannt. Es wurde von Beck als Luxusmietshaus für zwei Professorenfamilien gebaut. Die verspielte Villa Pfalzburg (Nr. 12) mit Rundturm entstand rund sechs Jahre später durch die bekannten Stuttgarter Architekten Schmohl und Stähelin. Etwas weiter unter erreichen wir die Hirschauer Straße. Das prächtige Eckhaus von 1893 war ursprünglich kein reines Wohnhaus, sondern beherbergte auch das königliche Forstamt. Der Hirschkopf schräg oberhalb des Eingangs erinnert noch an die ursprüngliche Nutzung.

Wir halten uns unten links und kommen in der Neckarhalde am wohl auffälligsten Bau der Straße vorüber (Nr. 64), dem 1899 erbauten fünfstöckigen „Berghaus“. Der stolze Fachwerkbau mit prachtvollem Erker im Stil der Neorenaissance war das Heim des Landgerichtsrates Freiherr von Hügel, der hier mit seiner Gattin, einer Freiin von Soden über dem Neckar thronte. Eugen Nägele begeisterte sich in seinen Tübinger Blättern vor allem über den unverkennbaren „rein altdeutschen Stil“ der Villa im Gegensatz zum sonstigen Stilmischmasch im Tübinger Nizza. Geplant wurde es, passend zum Stil, vom Nürnberger Architekturprofessor Conradin Walther. 1978 wurde die „Hügelei“ zum Karmeliterkloster für Kölner Nonnen. Die Gemächer der Adelsfamilie wurden bescheidene Schwesternzellen und im Erdgeschoss fand sich Platz für eine Kapelle. Nach kurzer Blütezeit, in der das Koster vor allem durch die Schwester und Buchautorin Waltraud Herbstrith überregional bekannt wurde, musste es 2011 wegen Nachwuchsmangel wieder schließen. Seit 1979 brausen durch den neuen Schlossbergtunnel jede Menge Fahrzeuge, was dieser Wohnlage einiges von ihrem Zauber genommen hat. Wir spazieren weiter. Linker Hand sehen wir die ehemalige Villa Lust (Neckarhalde 56) des Landgerichtsrat Ludwig Lust, die eine weitere Besonderheit birgt. Lust ließ 1888 die brachgefallenen Weinberge hinter der Villa in einen kleinen Park verwandeln, ausgestattet mit Grotte, Brunnenbecken und einem luxuriösen gusseisernen Wintergarten, den er eigens von einer alten Stuttgarter Villa erstanden hatte. Ein Serpentinenweg führt noch hoch bis zu einem nicht mehr existierenden Aussichtspavillon. Üppige Vegetation sollte an mediterrane Gärten erinnern, wie Lust sie auf Italienreisen kennen gelernt hatte. Heute liegt „Ludwigslust“ etwas versunken im Dornröschenschlaf, die Reste sind aber besonders in der Winterzeit noch gut von der Straße aus zu sehen.

 

 Wir schlendern weiter und sehen auf der rechten Seite, nach dem Verbindungshaus der „Alten Straßburger Burschenschaft Germania“, die Gleise und Brücken der Ammertalbahn. Seit 1910 verbindet sie Herrenberg und das Ammertal mit dem Tübinger Hauptbahnhof. Was heute nur noch wenige wissen, der Streckenabschnitt südlich der akademischen Neckarhalde war in Tübingen höchst umstritten, führte sie doch durch ein beliebtes Naherholungsgebiet am Necker mit lauschigen Alleen und Uferwegen. Professoren, Studenten, Dichter und Künstler sahen ihre beliebten Spazierwege durch die Bahngleise und die lauten Züge gefährdet und gingen auf die Barrikaden. Der heftige Disput ging schließlich unter dem Namen „Tübinger Alleenstreit“ in die Stadtgeschichte ein. Im diesem Zusammenhang gründete sich 1909 der Schwäbische Heimatbund, dessen erklärtes Ziel es damals war, Zerstörungen des „Alten“ durch die rasch voranschreitende Industrialisierung auf das minimal notwendige zu beschränken. Einige Schritte weiter erreichen wir auf der rechten Seite ein außergewöhnliches Gebäude aus Glas, Natursteinen und begrünten Dächern (Nr. 41). Von 1963 bis 1969 entstanden, ist es ein Frühwerk des eigenwilligen Tübinger Architekten Heinrich Johann Niemeyer. Er entwickelte nach den Vorbildern von Frank Lloyd Wright, Gaudí und anderen eine naturnahe, organische Bauweise, die sich harmonisch in eine natürliche grüne Umgebung einfügen bzw. sich mit ihr verschmelzen sollte. Typisch für ihn sind die um einen massiven Naturstein-Kern gruppierten hellen Wohnräume.

 

Wir wandern weiter und folgen der Alleenbrücke nach rechts. Diese 1952 errichtete Bogenbrücke aus Beton ersetzte den im 2. Weltkrieg gesprengten steinernen Vorgängerbau, über den ursprünglich der ganze Verkehr von Derendingen her in die Stadt rollte. Bereits 1508 befand sich hier der Hirschauer Steg. Mit dem Ausbau der Bahngleise wurde die Derendinger Allee von der heutigen Derendinger Straße abgetrennt und mit dem Neubau der B28 der Durchgangsverkehr umgeleitet. Von der Brücke aus bietet sich ein bezaubernder Blick auf die Villen und Gartenhäuschen in der Neckarhalde mit dem Schloss im Hintergrund. Auf der rechten Seite erscheint das Wildermuth-Gymnasium, 1926 als Mädchenrealsschule gegründet, wurde es später Oberschule für Mädchen, dann Lyceum und jetzt Gymnasium für beide Geschlechter. Noch vor der Schule spazieren wir die Treppen links hinunter zur Neckarinsel. Unten angekommen, sehen wir das Wildermuth-Denkmal von 1887, „gewidmet von deutschen Frauen“ für die engagierte Schriftstellerin und Jugendbuchautorin Ottilie Wildermuth. Durch ihre idyllischen Geschichten, Erzählungen, Novellen und Lebensbilder war sie bald eine der populärsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Wir folgen nun dem linken Uferweg durch das Seufzerwäldchen, früher beliebter Treffpunkt für Liebespärchen, und bekommen immer wieder bezaubernde Ausblicke auf die Altstadt mit ihren vorgelagerten malerischen Gärten und alten Gartenhäuschen. Nach kurzer Zeit erreichen wir einen kleinen runden Platz mit dem Silcher-Denkmal. Der in Schnait im Remstal geborene Friedrich Silcher (1789-1860) war ab 1817 der erste Musikdirektor der Tübinger Universität. Von 1939 bis 1941 schufen Steinmetzte anstelle eines klassizistischen Obelisken dieses monströse Denkmal mit Brunnen. Ganz im Ungeist der damaligen Zeit wollte man den durch seine deutschen Volkslieder bekannten Komponisten für den Nationalsozialismus zu vereinnahmen. In Anlehnung an das von ihm in 1825 in Tübingen vertontes Gedicht „Ich hatt‘ einen Kameraden“ scharen sich neben Kindern hinter seinem Rücken auch deutsche Soldaten um ihn.

 Ab hier beginnt die Platanenallee, der wir weiter über den Uferweg auf der linken Seite folgen.

 

 

 

Wir haben hier auf dem ganzen Weg einen herrlichen Blick auf die im Sommer stromauf- und abwärts ziehenden Stocherkähne mit Tübingens berühmter Neckarfront im Hintergrund.

 

Malerisch spiegeln sich im trüben Wasser des Neckars Giebel, Mauern, Dächer und Türme der mittelalterlichen Altstadt. Sahneklekse dieser unvergleichlichen Kulisse sind das Schloss Hohentübingen und natürlich die auf dem Wasser ziehenden Stocherkähne.

 

 

Schließlich sehen wir rechter Hand den Indianersteg, über den wir den südlichen Neckararm queren. Die kleine Bogenbrücke hat ihren Namen noch von einem hölzernen Vorgängersteg, auf dem Kinder gerne „Indianerles“ spielten. Wir erreichen ein hübsch eingegrüntes Plätzchen zwischen gründerzeitlichen Stadtvillen. In der Mitte vom Platz der Stadt Monthey steht das 1873 feierlich eingeweihte Denkmal Ludwig Uhlands. Der Dichter und engagierte Politiker galt den Tübingern im 19. und frühen 20. Jahrhundert als der größte Sohn der Stadt und erfreute sich schon zu Lebzeiten im ganzen Reich einer enormen Verehrung. Für viele verkörperte er mit seiner kämpferischen Geradlinigkeit das Ideal von Freiheit und nationaler Einheit. Bei seinem Tod 1862 schrieb eine französische Gazette: „Wir haben das Gewissen Deutschlands verloren“.

Wir spazieren weiter Richtung Süden und erreichen die Parkanlage um den Anfang des letzten Jahrhunderts ausgebaggerten Anlagensee. Der Park war mit seinen prächtigen Gymnasiumsbauten und der 1926 aufgestellten Kopie von Danneckers Nymphengruppe als repräsentatives Tor für die vom Bahnhof in die Stadt spazierenden Gäste gedacht. Heute wirkt die durch den Ausbau des Busbahnhofs deutlich geschrumpfte Grünanlage mit den provisorischen Straßenlaternen, dem herumliegenden Müll und trüben Wasser etwas vernachlässigt. Die Überdüngung des vom Derendinger Mühlbach gespeisten Sees wurde immer wieder den hier überwinternden Wasservögeln, besonders den Schwänen anlastetet. Dies gipfelte im Herbst 2003 im sogenannten "Schwänekrieg", bei dem die Stadtverwaltung auf Geheiß der damaligen Oberbürgermeisterin zahlreiche Schwäne nach dem Ablassen des Wassers einfangen ließ und zur Überwinterung in einen Schafstall am Österberg verfrachtete, was monatelang die Leserbriefspalten der lokalen Presse beherrschte. Wir spazieren links des Sees vorbei, kommen zu einer Unterführung, die uns wieder zum Ausgangspunkt, den Hauptbahnhof zurückbringt.

 


Infos zur Tour

 

Tourenlänge: 5 km

 

Höhenunterschied: 120 m

 

ÖPNV:

Bus: Busbahnhof Europaplatz: alle Linien

Bahn: Hauptbahnhof Tübingen

 

Aus  "Kreuz und quer durch Tübingen",-Die schönsten Stadtwanderungen Die besten Adressen (Silberburg-Verlag)

Erhältlich:

bei Osiander und allen anderen lokalen Buchhandlungen sowie beim Silberburg Verlag.

Einkehrmöglichkeiten  auf der Tour: Cafés und Gartenlokale

 

Gastronomie in der Tübinger Altstadt, am Europaplatz und das KaffeeKränzle in der Neckarhalde 70

 

 


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